Die bei Pferden noch nicht gänzlich geklärte sporadisch auftretende Muskelerkrankung mit meist tödlichen Folgen für das Pferd wurde bis dato nur im Herbst beobachtet. Auslöser dieser Atypischen Weidemyopathie, die insbesondere das vegetative Nervensystem, Rückenmark und Stammhirn der Pferde befällt, ist mittlerweile mit sicherer Wahrscheinlichkeit der Samen des Bergahorns. Dieser enthält das hochtoxisches Nervengift Hypoglycin A. Diese Aminosäure hemmt lebensnotwendige Enzyme im Organismus des Pferdes und das Gift aus dem Samen wird zu einem potenten Fettstoffwechselgift metabolisiert.
Nach heutiger Erkenntnis sterben über 80 % der Pferde, die diesen Samen des europäischen Bergahorns über das Futter aufgenommen haben. Man vermutet aber auch, dass nicht nur der Samen, sondern bereits die Aufnahme welker Blätter ausreichen um lebensbedrohliche Vergiftungssymptome zu erhalten.
Bedingt durch die diesjährigen warmen Tage im Frühjahr und der noch sehr zurückhaltenden Vegetation des Weidegrases konnten die sogenannten Flügelfrüchte des Bergahorns vom Herbst aufkeimen. Das Gras war in seiner Wuchshöhe nicht hoch genug und somit waren die Voraussetzungen für das Aufkeimen der Samen sehr günstig. Ebenso ungünstig war es, dass die Pferde (meist die Pferde, die ganzjährig Koppelgang haben) bereits auf den Weiden grasten und somit auch diese jungen Ahorntriebe mitfraßen. Diese Keimlinge enthalten wohl 3500-mal mehr Hypoglycin A als der Samen oder die Blätter im Herbst.
Symptome einer Vergiftung mit Bergahornsamen -keimlingen oder -blättern
Durch Hypoglycin A vergiftete Pferde zeigen neben starkem Schwitzen, kolikähnliche Symptome, dunkelbraunen Harnabsatz und eine erschwerte Atmung. Später folgt dann ein taumelnder Gang bis hin zu kompletten Bewegungslosigkeit. Bei ersten Anzeichen ist dringend der Tierarzt zu rufen. Alle Pferde sind unbedingt von der Weide zu holen.
Wichtig zur Vermeidung einer Vergiftung durch Ahornsamen- oder keimlinge
- Vermeiden Sie eine Überweidung der Pferdeweiden insbesondere in Waldrandnähe oder entlang von Baumalleen.
- Entfernen Sie im Herbst alles Lauf von den Weiden
- Warten Sie mit dem Anweiden, bis das Weidegras eine entsprechende Wuchshöhe hat (>10 cm, idealerweise 25 cm).
- Füttern Sie in der Zeit, wo die Weide keine ausreichende Futtergrundlage bietet, unbedingt Heu dazu. Dies verhindert, dass Pferde auch andere weniger schmackhafte Pflanzen, Blätter oder Samen fressen.
- Denken Sie daran, dass die Vegetation im Frühjahr unter Bäumen und an Waldrändern meist einige Tage bis ein oder zwei Wochen zurückliegt. Das kürzere Gras an den Stellen führt dazu, dass die Pferde die Samen und Keimlinge aufnehmen – obwohl bereits an anderen Stellen das Gras höher ist.
Besonders giftig sind die Keimlinge und die ersten Folgeblätter; diese – so wird vermutet – sind noch nicht mit weiteren sekundären Pflanzenstoffen versehen, die die Pferde normalerweise vom Fressen solcher Triebe abhalten. Trotzdem sollte man sich nicht darauf verlassen, dass Pferde deshalb die ausgewachsene Pflanzen meiden. Nach heutigem Kenntnisstand sollte die Weide mit ausreichendem Abstand zum Bergahorn eingezäunt werden oder die Weidestellen regelmäßig im Herbst von Samenresten befreit und im Frühjahr auf Keimlinge genauestens untersucht werden.
In einigen Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass bei einer Vergiftung Pferde mit hochwertiger Vitalstoffversorgung die größten Überlebenschancen hatten. Somit wird wieder deutlich, dass sich auch in solchen Fällen ein regelmäßig gefüttertes auf das Pferd ausgewogenes und auf das Immunsystem ausgerichtetes Mineralfutter (z.B. Mineral Plus) bewährt.
Sollten Sie einen Fall mit einer Vergiftung durch Bergahorn haben, bittet die Tierärztliche Hochschule Hannover um Kontaktaufnahme. Sie wollen die wichtige Forschung zu diesem Thema vorantreiben.
Quelle: Der Praktische Tierarzt 4/2017